Fußball-Deutschland staunte nicht schlecht, als im Laufe des vergangenen Sonntags durchsickerte, dass der HSV sowohl bei Edeltechniker Fabio Vieira als auch bei Marokkos WM-Fahrer Zakaria El Ouahdi den Zuschlag erhalten würde.
Als die Transfers am Deadline Day dann offiziell gemacht wurden und sich mit dem hochveranlagten Linksverteidiger David Möller Wolfe noch ein dritter namhafter Neuzugang hinzugesellte, war sie endgültig da: die Euphorie rund um den Volkspark.
Fans wie Experten bescheinigten dem HSV ein starkes Transferfenster. Sky-Reporter Florian Plettenberg ging sogar noch einen Schritt weiter und bezeichnete Sportdirektor Claus Costa angesichts seiner verhältnismäßig günstigen Akquise von Top-Spielern als „jungen Uli Hoeneß“. Ein großer Vergleich, gewiss. Aber einer, der zumindest einen Blick auf die nackten Zahlen verdient.
Costa ist es tatsächlich gelungen, seinem Trainer Merlin Polzin bereits im zweiten Jahr nach dem Bundesliga-Aufstieg einen äußerst prominent besetzten Kader zur Verfügung zu stellen. In diesem Sommer lotste der 42-Jährige Neuzugänge mit einem Gesamt-Marktwert von mehr als 100 Millionen Euro an die Elbe – und bezahlte dafür gerade einmal rund 30 Millionen Euro. Mit Terem Moffi, Patson Daka, Albert Grønbæk, Fabio Vieira oder auch Sambi Lokonga verfügt der HSV über eine ganze Reihe an Spielern, die man noch vor wenigen Jahren eher bei einem regelmäßigen Europapokal-Teilnehmer als bei einem vermeintlichen Abstiegskandidaten vermutet hätte.
HSV-Kaderplanung folgt einer klaren Strategie
Zur Wahrheit gehört allerdings auch: Auf ihrem Höhepunkt bekommt der ehemalige Dino diese Spieler nicht. Das ist jedoch etwas völlig anderes, als abgehalfterte Alt-Profis zu verpflichten, die beim HSV noch einmal den letzten dicken Vertrag mitnehmen wollen. Kein einziger Neuzugang, den Costa in den vergangenen Wochen an Land zog, ist älter als 27 Jahre. Vielmehr waren es ausgebliebene Entwicklungssprünge, komplizierte letzte Jahre oder langfristige Verletzungen, die Kicker wie Moffi oder Möller Wolfe für den HSV erschwinglich machten.
Für einen Spieler gilt das ausdrücklich nicht: Zakaria El Ouahdi. Der 24-Jährige zauberte in Genk eine herausragende letzte Saison aufs Parkett, erzielte satte zwölf Pflichtspieltreffer und würde einem Großteil der Bundesligisten sportlich weiterhelfen. Dass ein solcher Fußballer nun das HSV-Trikot trägt, ist bemerkenswert.
Entsprechend groß ist trotz der 0:2-Auftaktniederlage in Dortmund die Vorfreude. Die Fans brennen darauf, El Ouahdi und Rückkehrer Vieira gegen Mainz (Sonntag, 15.30 Uhr) erstmals in dieser Saison im Volkspark zu sehen. Beide heben den HSV unmittelbar auf ein neues spielerisches Niveau.

Genau hier beginnt für Polzin und sein Trainerteam die eigentliche Herausforderung. Was Costa auf dem Transfermarkt geschaffen hat, ist für den 35-jährigen Coach Chance und Verpflichtung zugleich. Sein Kader eröffnet ihm völlig neue Möglichkeiten, Spiele zu gestalten und auf unterschiedliche Gegner zu reagieren.
Ein höheres individuelles Niveau geht naturgemäß aber auch mit höheren Erwartungen einher. Eine passive Herangehensweise wie über weite Strecken der Vorsaison wird die Anhängerschaft deshalb nicht mehr in gleichem Maße akzeptieren. Auftritte wie die erste Halbzeit in Dortmund müssen die Ausnahme bleiben, der konservative Spielansatz Schritt für Schritt weiterentwickelt werden.
Zwischen Euphorie und notwendiger Demut
Das anzuerkennen bedeutet allerdings nicht, wieder in alte Muster zu verfallen und bereits von nahenden Europapokal-Nächten zu fantasieren. Der HSV und insbesondere sein Umfeld tun gut daran, nicht dieselben Fehler zu wiederholen, die den Verein in den vergangenen zwei Jahrzehnten begleitet haben. Euphorie ist ein guter Treibstoff. Sie sollte nur nicht zum Navigationssystem werden.
Eine der wichtigsten Aufgaben von Polzin, Sportvorständin Kathleen Krüger und allen anderen Entscheidungsträgern wird deshalb sein, kommunikatives Feingefühl zu beweisen und die Stimmungslage rund um den Volkspark mit der nötigen Sensibilität zu steuern. Nach zwei guten Spielen darf niemand durchdrehen. Sich künstlich kleiner zu machen, als man ist, kann aber ebenso wenig die Lösung sein.
Denn so sehr Bescheidenheit in der Natur des Hanseaten liegen mag: Ebenso sehr tut es der Realismus. Und realistisch betrachtet ist dieser HSV-Kader schlichtweg zu gut, um bis zum Saisonende gegen den Abstieg zu spielen. Das wissen die Fans. Und das wiederum wissen die Verantwortlichen. Genau deshalb ist dieses zweifelsohne starke Transferfenster vor allem eines: Chance und Verpflichtung zugleich.

