Am gestrigen Mittwoch reiste der HSV ins Trainingslager nach Dänemark. Der 27-köpfige Kader wird sich bis zu Saisonbeginn allerdings noch erheblich verändern.
Aktuell bildet er sich zu rund einem Drittel aus Nachwuchsakteuren, die in den Pflichtspielen normalerweise in ihren eigentlichen Mannschaften zum Einsatz kommen. Darüber hinaus benötigt es zwingend Neuverpflichtungen, um die Abgänge von Leistungsträgern respektive wichtigen Stützen wie Luka Vuskovic, Fábio Vieira, Ransford Königsdörffer oder Robert Glatzel, zu kompensieren.
Sorgenfrei können die Verantwortlichen um die neue Sportvorständin Kathleen Krüger und Sportdirektor Claus Costa auf die Situation zwischen den Pfosten blicken, wo Daniel Heuer Fernandes nach einer bemerkenswerten abgelaufenen Spielzeit mit dem momentan noch bei der Weltmeisterschaft weilenden Norweger Sander Tangvik ein starker Herausforderer gegenübersteht. Dahinter gibt es verschiedene Option, wie gleich fünf im Trainingslager aktiv Torhüter unterstreichen.
HSV: Wer übernimmt von Vuskovic?
Ebenso reichlich Auswahl besitzt Trainer Merlin Polzin im zentralen Mittelfeld, wo Stabilisator Nicolai Remberg und Albert Sambi Lokonga in der Pole-Position liegen. Neuzugang Kofi Amoako, der Erstgenanntem in seiner Spielweise durchaus ähnelt, steht als spannende Alternative bereit. Darüber hinaus wären der einst für diese Position verpflichtete Nicolás Capaldo sowie der sehr flexible Albert Grønbaek ebenfalls dort einsetzbar.
Komplizierter schaut dagegen die Lage in der Innenverteidigung aus. Überflieger Luka Vuskovic – für seine erst 19 Jahre unglaublich abgeklärt agierend und dazu noch torgefährlich – wird der HSV nämlich nicht eins zu eins ersetzen können. So muss ein neuer Abwehrchef gefunden werden. Als Vuskovic ausfiel, schlüpfte Jordan Torunarigha in die Rolle. Ob sie ihm dauerhaft zugetraut wird, bleibt zu abwarten.
Nur die Raute – von HSV-Fans für HSV-Fans
Neben Torunarigha stehen für die Dreierkette Capaldo, Warmed Omari, der in der Rückserie kaum noch berücksichtigte Daniel Elfadli und Shafiq Nandja – in den finalen Saisonspielen erstmals Bundesliga-Luft schnuppernd – zur Verfügung. Es braucht daher zumindest noch einen gestandenen Innenverteidiger. Der HSV beschäftigte sich bereits mit Michael Svoboda, den es letztlich nach Brighton zog, wo auch Vuskovic zukünftig spielen wird. Der im Winter 2025 noch für über zwei Millionen Euro aus Frankreich losgeeiste Aboubaka Soumahoro spielt in den Planungen dagegen keine Rolle. Ihn zieht es voraussichtlich nach Mallorca in die zweite spanische Liga.
Zwingend aktiv werden müssen die Hanseaten mit Blick auf die Schienenspieler, insbesondere auf der rechten Seite. Bakery Jatta – im ersten Halbjahr des abgelaufenen Spieljahres noch nahezu komplett außen vor – muss sich nach den Abgängen von William Mikelbrencis und Giorgi Gocholeishvili aktuell keinem direkten Konkurrenten stehen. Allzweckwaffe Capaldo und Fabio Baldé könnten aushelfen, sind aber auch auf anderen Positionen gefragt.
Wie Muheim Einfluss auf die Zukunftsplanung nimmt
Links ersetzte im Saison-Endspurt der fest verpflichtete Grønbaek den damals verletzungsbedingt ausfallenden Miro Muheim. Womöglich muss der WM-Viertelfinalist dauerhaft ersetzt werden. Denn bei ihm stellt sich angesichts des 2027 auslaufenden Vertrags die Zukunftsfrage. Sollte sich der Schweizer gegen eine Verlängerung entscheiden, könnte der HSV in den nächsten Wochen bei einem Verkauf letztmals eine ansprechende Ablöse erhalten.
Hinter Muheim gibt es einen weiteren gelernten Linksverteidiger, der mit den Profis arbeitet, und zwar der erst 16 Jahre junge Louis Lemke. Er gilt als großes Talent, genießt intern hohes Ansehen. Ob der zuletzt bei der Zweitvertretung eingesetzte Lemke schon in der kommenden Spielzeit der Durchbruch zugetraut wird, ist nicht bekannt. Fest steht hingegen, dass bei einem Muheim-Abgang reagiert werden muss.
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Auf den offensiven Flügelpositionen herrscht ebenfalls keine zufriedenstellende Situationen. In der vergangenen Saison wies kein Spieler aus dem aktuellen Kader ordentliches Bundesliga-Niveau nach. Rayan Philippe erzielte zwar fünf Saisontore, besitzt aber krasse fußballerische Mängel, weshalb er oftmals gar nicht ins Spiel eingebunden war. Alexander Røssing-Lelesiit zeigte gute Ansätze, wurde aber immer wieder von Verletzungen gestört und bringt noch nicht die nötige körperliche Robustheit mit.
Der seit seiner Trunkenheitsfahrt aufs Abstellgleis Jean-Luc Dompé sowie Emir Sahiti werden den Verein voraussichtlich im Sommer verlassen. Baldé, dessen enorme Geschwindigkeit viele Gegenspieler vor Probleme stellt, strebt ebenfalls einen Wechsel an und könnte dem HSV eine hohe Summe einbringen. Falls Polzin vermehrt auf ein 3-4-3 zurückgreifen sollte, benötigt es links wie rechts neue Gesichter.
Der Sturm als größte Baustelle
Die Systemfrage würde sich bei einer festen Verpflichtung von Vieira, die der HSV weiterhin nicht abgehakt hat, schnell beantworten. Denn der Portugiese ist ein klassischer Spielgestalter, dem mit Remberg und Lokonga zwei klare zentrale Mittelfeldspieler den Rücken freihielten. Zweitgenannter bringt ähnlich große fußballerische Qualitäten mit und harmonierte hervorragend mit Vieira.
Neben Lokonga zählt Grønbaek zu den technisch begabtesten Akteuren im Kader und könnte in die Zehnerrolle schlüpfen, falls es nicht gelingt, Vieira zu halten. Davor würden zwei Angreifer auflaufen, womit wir zur größten Baustelle übergehen. Nach den Abgängen von Königsdörffer, Robert Glatzel und des vollkommen wirkungslosen Damion Downs gibt es für Polzin momentan lediglich zwei Optionen: Der aufgrund seiner ständigen Verletzungen nicht als feste Stütze einzuplanende Yussuf Poulsen sowie das bei der zurzeit durchgeführten U19-EM herausragende Eigengewächs Otto Stange.

Der HSV schaut sich daher intensiv um, beschäftigte sich zuletzt mit Tomas Bobcek (Lechia Gdansk) und Sidiki Chérif (Fenerbahce) und dürfte eine für seine Verhältnisse höhere Summe investieren, um nicht nur auf einen verlässlichen Stürmer zurückgreifen zu können, sondern auch Alternativen parat zu haben.
Allerdings benötigt es insgesamt minimal acht weitere Neuzugänge, um den Kader auf allen Positionen Bundesliga-tauglich aufzustellen. Krüger und Costa müssen genau überlegen, wie sie das im Vergleich zu einem Großteil der Konkurrenz begrenzte Budget einsetzen. Leihgeschäfte – womöglich wie bei Vuskovic und Vieira erst kurz vor Transferschluss eingetütet – werden dementsprechend wieder von großer Bedeutung sein.
Foto: IMAGO

